Ich bin Hundertwasser

Das Frage nach Henne und Ei hat sich mir gerade mal wieder gestellt. Und ich bin zu oben genanntem Schluss gekommen: Ich bin Hundertwasser. Zurückgekehrt von der umfangreichen Ausstellung in Hagen bin ich bereit, ihn in meinen persönlichen Olymp der Siebdrucker aufzunehmen (weitere Götter: Andy Warhol, Josef Albers). Kleine Fortbildungsveranstaltung für die frisch gebackene Museumspädagogin: Ermäßigter Einritt? Weder für Musemspädagogen noch für Kunsterzieher. Den Mantel müssen sie aber abgeben. Die Tasche ist viel zu groß, da schmeißt meine Kollegin Sie aus der Ausstellung (zu der Dame neben mir). Und den Aufkleber bitte schön sichtbar, der ist viel zu versteckt (zu mir). Also neben Nicole Zepters „Kunst hassen“ at it’s best, habe ich heute großartige Werke gesehen und Erkenntnisse gewonnen. Das ist für € 9,- eine ganze Menge. Sie wollen das genauer wissen?

Druckgraphische Unikate

Hundertwasser hat Auflagen gedruckt bzw. drucken lassen. Vor allem aber hat er die druckgraphischen Techniken durchprobiert und ausgereizt, dass einem das Herz lacht. Wie es mir auch geht bei der manuellen Herstellung von Graphiken, so hat er Farben und Materialien in Serien durchdekliniert. Nicht zweihundert Mal dasselbe, sondern Variationen. In dem wunderbaren Film von Peter Schamoni sagt der Künstler, er habe die Graphik als Möglichkeit gesehen, nicht so vermögenden Personen die Möglichkeit zu geben, ein Werk von ihm zu erwerben. In diesem Sinne wurde Druckgraphik über Jahrhunderte genutzt, maßvoll (weil sich zu Dürers Zeit die hölzernen Druckstöcke abnutzten), aber gezielt, häufig verbunden mit der Buchillustration als zweitem Standbein neben Werken ohne Auftrag. Es ist eine Freude und Herausforderung, einen (guten) Text als Leitfaden zu haben, das habe ich auch schon erfahren. (Arbeiten für die Präsentation eines neuen kleinen Buches auf der Mainzer Minipressenmesse am Fronleichnamswochenende laufen). Wenn allerdings Druckstöcke, die der Künstler nie angefasst hat, nach seinem Tod noch weiter gedruckt werden, dann … befinden wir uns mitten im Kunstmarkt des 20. Jahrhunderts. Die Druckgraphik ist tot, naja, sagen wir im Koma, jedenfalls in Deutschland. Andernorts wird sie geachtet, wie ich dank meiner Verbindung zu Katja Rosenberg erfahren durfte. Ich bin und bleibe eine Druckgraphikerin, kopfgesteuert, supergenau, in Druckvorgängen denkend. Hundertwasser malte, wie er druckte: in Prozessen, programmatisch. Ich hätte gerne noch ein bisschen von seiner Beseeltheit, die durchaus nicht humorlos war.

Der Weg ist das Ziel

Eine Druckgraphik herzustellen, bedarf der Planung. Sicher kann ich einfach eine Geste auf den Lithostein werfen, aber dann habe ich nicht alle Möglichkeiten genutzt. Muss ich auch nicht. Es gibt keine Regel, Kunst ist das freie Spiel, zum Glück. Aber wenn ich in Litho denke, werde ich wahrscheinlich der Geste noch ein paar Flächen hinzufügen, und das muss dann passen.

Die Überlagerungen der Farben, und sei es nur durch winzige Ungenauigkeiten beim Druck, vorauszuahnen und einzubeziehen, ist die Kopfarbeit beim Drucken. Gleichzeitig sind diese Schnittstellen auch Anhaltspunkte für Reaktionen. Ach guck mal, so sieht das jetzt aus. Da könnte ich auch ganz anders weitermachen. Oder einen Gedanken weiter verfolgen und intensivieren. Hundertwasser hat Farbspiele und Übergänge gedruckt, bei denen ich mich frage, wie er das hinbekommen hat. Ja, er hat sich die Freiheit genommen, auf gemalte Untergründe zu drucken und effektvolle Farben einzusetzen, metallisch, fluoreszierend. Aber die gedankliche Konstruktion der Graphiken bleibt immer erkennbar. Zeichen für alle: die Farbkästchen am Bildrand, die zeigen, mit wievielen Platten oder Sieben gedruckt wurde. Zeichen für mich: Es gibt immer ein „zuerst“, ein „danach“ und eine Logik der Vorgänge, die für mich zu den Farben und Formen passt. Nichts drängt sich vor, alles hat seinen Platz. Da ist mir das Sujet, ehrlich gesagt, nicht so wichtig. Ich habe noch keinen süßlichen Akt gesehen, der handwerklich brilliant und zwingend gestaltet gewesen wäre.

Mutter Natur

Aber das ist das Frappierendste für mich: Ich mag Hundertwassers Sujets. Ich mag seine Liebe zur Natur, zum Wasser, zu Bäumen. Ich habe mich der Spirale bemächtigt, jüngst, und habe sie der geraden Linie gegenüber gestellt. Dann sind wir nach Wien gefahren, und bereits im Kunsthaus dämmerte es mir, dass ich nun endlich meinen Weg zu Hundertwasser gefunden habe. Es ist ja  nicht so, dass ich mich mit ihm nicht schon lange beschäftigt hätte. Aber bisher fand ich ihn ganz nett (und nett ist die kleine Schwester von Sie wissen schon was). Das ist jetzt anders. Heute habe ich erkannt, dass ich Hundertwasser bin. Wir sind nur Gäste auf der Erde, also sollten wir uns benehmen, stimmt. Interessant ist, dass ich beim Nachdenken über das Wachsen und Werden in der Natur ebenso zur Spirale gelangt bin wie er. „Ganz Gallien?“, heißt die Arbeit und beinhaltet ca. 200 Druckvorgänge. Genau gezählt habe ich sie nicht, mein Vorgehen bewegte sich zwischen Betrachtung und Reaktion, so dass nur die Herstellung der Druckvorlagen genau geplant war.

Ganz Gallien? 2015

Ganz Gallien? 2015

Basierend auf einer Luftaufnahme der Luftbildagentur Alfons Rath habe ich das Wirken der Natur in meinem Garten und den Gärten meiner unmittelbaren Nachbarn graphisch umgesetzt. Etwa 80 Arten konnte ich mit einem einfachen Naturführer (vom ADAC, haha!) in meinem Garten identifizieren, Kraut wie „Unkraut“. Diese ordnete ich zu Wuchsbereichen in Spiralen. Die Nachbarn haben Rollrasen …

Denken und Machen geben sich die Hand.

Denken und Machen geben sich die Hand.

Es hat mich beschäftigt, es wollte aufs Blatt bzw. auf das Acryglas, wegen der Farbbrillianz. „Ganz Gallien?“ Ja, das erinnert an Asterix. „Ganz Undenheim“ müsste die Arbeit eigentlich heißen oder „Ganz Rheinhessen“. Doch dieses Gallien erleben wir alle irgendwo, es ist ein Symbol. Ich bin Hundertwasser. Ich bin ein kleines Biotop, eine Idee. Schade, dass Peter Schamoni schon tot ist, das wäre ein prima Film geworden.

Sie wollen das „in echt“ sehen? In seinen ganzen 80×90 cm Größe? Das können Sie beim Offenen Atelier 2015, und da schließt sich mal wieder ein Kreis, und deswegen komme ich drauf.

Ein Gedanke zu „Ich bin Hundertwasser

  1. Wiedersehn macht Freude, wenn man sich mag.
    Wiedersehen mit Friedensreich Dunkelbunt Regentag Hundertwasser, Wiedersehen mit Ellen Löchner.

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